
photo credit: Abe WORLD!!!!
Der 1. Juni 2009 wird für rund 70 Prozent der Deutschen ein trauriger Tag werden – so groß ist der Anteil der Deutschen, der sich regelmäßig im Internet bewegt. Sie alle werden an dem Tag im wahrsten Sinne des Wortes zu den Verlierern gehören. Was sie verlieren? Vor allem potenzielles Wissen.
Um Mitternacht des 1. Juni 2009 wird nämlich der umstrittene 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag in Kraft treten (hier online als PDF).Verfasst haben ihn die Bundesländer – erbittert gekämpft darum haben Zeitungen, Radioanstalten, Fernsehsender und Internetanbieter (heute nicht selten in einem Konzern zusammengefasst) monatelang.
Das Netz als Kriegsschauplatz
Worum geht es? Jahrzehntelang war die Medienlandschaft in Deutschland relativ klinisch getrennt. Hier die Zeitungen, dort die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Selten kam man sich in die Quere. Mit der Freigabe des privaten Rundfunks änderte sich das zum ersten Mal. Verleger beteiligten sich an Radiostationen oder dem Privatfernsehen. Für die Öffentlich-Rechtlichen war es eine harte Zeit – erstmals bekamen sie Konkurrenz. Eine Konkurrenz, die jedoch das Geschäft belebte und viele verstaubte Strukturen in den “Anstalten” in Frage stellte.
Seit Mitte der 1990er Jahre ist ein zweiter Kriegsschauplatz hin zugekommen: Das Internet. Mit Spiegel.de ging sehr früh ein Nachrichtenangebot eines Print-Titels online, 1995 folgte z.B. wdr.de, ein Jahr später tagesschau.de. Es folgten Millioneninvestitionen von Verlagen und den Öffentlich-Rechtlichen, beim Platzen der Dot-Com-Blase zogen viele Zeitungshäuser die Reißleine und verringerten ihr Angebot drastisch – mit der Axt wurde auch vieles gefällt, was gar nicht so schlecht aussah und eine Zukunft gehabt hätte.
Wettbewerbsverzerrung durch GEZ-Gelder?
Fast zehn Jahre später sehen viele Verlagsbosse ein, dass sie damals den Fehler gemacht haben, das Internet zu schnell abzuschreiben. Nun setzen viele von ihnen auf das Internet. Dabei sind ihnen die Angebote der öffentlich-rechtlichen Konkurrenz ein Dorn im Auge. Schließlich werden die pro Jahr mit mehreren Milliarden Euro GEZ-Geldern finanziert. Wettbewerbsverzerrung, denn schließlich wollen die Verlage das Internet nutzen, um Geld zu verdienen.
Die Ministerpräsidenten sahen das anscheinend ähnlich und beugten sich dem Druck der Verleger: Enge Grenzen für die Öffentlich-Rechtlichen! Was das bedeutet, wird sich am 1. Juni 2009 zeigen. So muss das ZDF fast 80 Prozent der Text im Archiv löschen:
Dem Vermerk zufolge wird das Angebot auf heute.de um 28.000 Text-Dokumente verkleinert. Aus dem Angebot von zdf.de sollen im Laufe der nächsten Monate 46.800 Dokumente verschwinden. Aus dem Portal sport.zdf.de werden den Planungen zufolge 18.700 Text-Dokumente herausgenommen.
Quelle: Kölner Stadtanzeiger
Der Grund sind die eingebauten Fristen im Rundfunkvertrag. Grundsätzlich gilt: Jedes Angebot darf nicht länger als sieben Tage im Netz stehen. Auch andere öffentlich-rechtliche Sender müssen ihre Aktivitäten deutlich einschränken (z.B. der WDR).
Unverständliche Löschorgie
Soviel zu den Fakten. Bleibt nur die Frage, welcher (PC-Gebühr zahlende) Internet-Nutzer (dieser hier) das verstehen soll: Dank der knappen Kassen von vielen Zeitungshäusern müssen wir auf viele qualitativ hochwertige Beiträge im Netz verzichten. Beiträge, die in der Form in anderen Medien oft nicht möglich sind. Klar, es gibt auch Angebote, um die es aus journalistischer Sicht nicht so schade ist, die jedoch für viele jüngere Nutzer eine wichtige Bedeutung haben (Beispiel: 1live Liebesalarm). Aber dass die Sender nun eine Löschorgie sondergleichen veranstalten müssen, quasi Alexandria 2.0, ist völlig unverständlich.
Denn das Kernproblem der Verleger ist damit nicht vom Tisch: Sie wissen, dass es mit dem Printmarkt weiter abwärts gehen wird, die Zukunft suchen sie im Netz. So weit, so gut. Aber: Sie haben keine Ideen, wie sich in Zukunft wirklich im Netz Geld verdienen lässt. Niemand kennt die Antwort (der bisher beste Beitrag dazu von Clay Shirky). Dass nun die Internet-Nutzer darunter leiden sollen, ist tragisch.
[Disclaimer: Einige öffentlich-rechtliche Sender gehören zu meinen Auftraggebern.]
Mehr dazu:
- Medienrauschen: Öffentlich-Rechtliche schießen sich aus dem Web
- Jblog: Nix Liebesalarm – 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag ist jetzt der Höhepunkt
- SZ: Ende eines Tierheims
- taz: “Guido Knopp bleibt”



