Der “Kirchentag für Journalisten” (Greta Taubert) – besser bekannt als das Jahrestreffen des Netzwerks Recherche – hatte wieder einmal mehr interessante Veranstaltungen, Diskussionen und Gespräche zu bieten, als ein normaler Mensch in zwei Tagen bewältigen kann. Hier ein paar schnelle Eindrücke:
- Die Diskussionen rund um Internet und Blogs ist zwar fast so alt, wie das Treffen selbst, aber noch immer arbeiten sich zahlreiche Teilnehmer gerne daran ab. Umso erfreulicher, dass SZ-Kolumnist Heribert Prantl in seiner Keynote nicht die Bedrohung des klassichen Journalismus durch die “neuen” Publikationsformen betonte, sondern das Gegenteil:
Guter Journalismus hat große Zeiten vor sich: Noch nie hatten Journalisten ein größeres Publikum als seit der digitalen Revolution. Noch nie war Journalismus weltweit zugänglich. Und es gab wohl noch nie so viel Bedürfnis nach einem orientierenden, aufklärenden, einordnenden und verlässlichen Journalismus wie heute. [...]
Der Amateur-Journalismus, der in den Blogs Blüten treibt, ist kein Anlass für professionellen Griesgram. Dieser Amateur-Journalismus bietet Chancen für eine fruchtbare Zusammenarbeit. Er ist ein demokratischer Gewinn. Diese Blogger erinnern an die bürgerlichen Revolutionäre von 1848/49, die Kommunikationsrevolution heute gemahnt an die vor 160 Jahren. Damals entstand durch die explosionsartige Ausbreitung der Presse und durch das neue Verkehrsmittel Eisenbahn ein neuer, größerer Erfahrungsraum. In Deutschland wurde auf diese Weise die Intellektuellen-Idee eines gemeinsamen deutschen Vaterlandes zu einer erfahrbaren Realität. 1848 steht also für einen politischen Lernprozess, der Hunderttausende Menschen einbezog und ihnen Möglichkeiten zur politischen Partizipation gab. Heute, 160 Jahre später, bietet die digitale Revolution diese Möglichkeit wieder. Blogs sind “mehr Demokratie” – bei allen Unwägbarkeiten. Soll da wirklich der professionelle Journalismus die Nase hochziehen, so wie es vor 160 Jahren die etablierten fürstlichen Herrschaften und die monarchischen Potentaten getan haben?
[Auszüge aus der Rede gibt es bei der Süddeutschen Zeitung]
Das schöne an der Rede: Prantl hat das ewige Wehklagen über den drohenden Tod der Zeitungen weggewischt – und vielleicht so vielen wieder Mut gemacht.
- Wegen Überfüllung geschlossen: Einige der Veranstaltungen – zum Beispiel das Gespräch mit der Spiegel-Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen – waren leider so gefragt, dass die rund 20 Plätze in den kleineren Konferenzräumen schnell belegt waren – schade.
- Webrecherche-Workshop: Internetrechere, Personensuche im Web 2.0, CAR – eine ganze Veranstaltungsreihe drehte sich nur um das Thema Recherche im Netz. Leider muss ich Matthias Spielkamp jedoch zustimmen, dass einige der Vorträge hinter meinen Erwartungen zurück geblieben sind – z.B. der von BBC-Trainer Paul Myers (Webseite: Research Clinic). Spannend hingegen waren die Beiträge zum Thema “Computer Assisted Reporting” (CAR), die u.a. Ludger Fertmann, Sebastian Heiser und Christina Elmer (dpa RegioData9 vorgetragen haben.
- Generation ohne Rückgrat – Nachwuchs zwischen Anpassung und Aufbegehren: Spannende Diskussion über die von Zeit-Autor Jens Jessen verfassten Thesen zu den “traurigen Strebern“. Wobei sich G&J-Verlagsmanager Adrian Schimpf nicht wirklich Freunde im zumeist jüngeren Publikum machte, “Monitor”-Chefin Sonia Mikich Jessens Eindruck widersprach, heute gebe es nur noch angepasste Karrierejournalisten.

Adrian Schimpf (g+j), Manuel Hartung (Zeit Campus), Jochen Markett (KAS), Sonia Mikich (WDR), Nicol Ljubic
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