Die Klage der Zeitungsverlage gegen die tagesschau.de-App ist ein schlechter Witz – um es mal gleich vorweg zu sagen.
Die Verlage jammern: “Es geht darum, dass jemand steuerfinanziert kostenlos Inhalte anbietet und damit unsere Märkte kaputt macht. Und das finden wir politisch skandalös und nicht gesetzeskonform. Das kann man auch illegal nennen,” sagt Christian Nienhaus, Geschäftsführer der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung.Wir halten fest: Die tagesschau.de-App macht also das Geschäftsmodell der Verlage kaputt.
So weit, so realitätsfremd. Denn wenn man sich die deutsche Zeitungslandschaft anschaut, dann fallen einem drei Sorten von Zeitung auf: Boulevard-Blätter, nationale Qualitätsblätter und Lokalzeitungen.Was aber bieten diese Zeitungen und wo ist die Konkurrenz der tagesschau-App?
- Boulevard: Bild, Express, B.Z., Abendzeitung, Mopo & Co werden von vielen Menschen täglich gekauft und decken bestimmt auch einen großen Teil der überregional wichtigen Themen ab… na ja, mehr oder weniger. Aber selbst diese Zeitungen würden nicht behaupten, dass die Mehrzahl der Inhalte, die sie anbieten, im Internetangebot der Tagesschau ebenfalls abgebildet werden. Keiner kauft sich die Bild um etwas ueber die Unabhängigkeitsbestrebungen des Südsudans zu lesen. Von Konkurrenz kann keine Rede sein.
- Nationale Qualitätszeitungen: Ich hatte mal ein Probeabo der Süddeutschen Zeitung. Eine tolle Zeitung, vielleicht die beste des Landes. Was mich aber genervt hat: Der Stand der Nachrichten – egal ob Sport oder Politik – war selten spaeter als 18.00 Uhr. Eher 16.30 Uhr. Egal, habe ich mir gesagt, diese Nachrichten bekomme ich auch im Netz. Die Zeitung kaufe ich mir nicht wegen der “Latest News”, sondern wegen der Hintergrundstücke, der Analysen, der Leitartikel, Kommentare und Reportagen. Vielleicht dämmert es auch bald den Verlagsmanagern: Aktuelle Nachrichten wird es immer immer immer frei und kostenlos im Netz geben. Egal ob auf tagesschau.de, Twitter oder anderen Quellen. Auch wenn Süddeutsche, FAZ und Co aktuelle Meldungen auf ihren Internetseiten bringen (was ich gut finde), wäre es lächerlich, wenn diese Medienunternehmen ihre Zukunft darin sehen, “Breaking News” zu verbreiten. Kein Netz-Bewohner assoziiert diese Marken mit schnellen, kurzen Meldungen zum Tagesgeschehen, die im Zweifel 1:1 von dpa, Reuters und Co kopiert werden. Nein, hier geht es um Qualitätsjournalismus. Und den gilt es ins digitale Zeitalter zu retten. Aber jeder, der schon mal ein Smartphone in der Hand hatte wird zustimmen: Eine Seite-3-Reportage auf dem Handy zu lesen macht nur begrenzt Spaß. Handy-Apps sind für die 5 Minuten Wartezeit auf die nächste S-Bahn, nicht für das entspannte Lesevergnügen am Feierabend.
- Lokalzeitungen: Ja, ich gebe es zu. Ich habe die Homepage der Lokalzeitung meiner ehemaligen Heimat als Browserlesezeichen eingerichtet und sogar den RSS-Feed abonniert. Die alte Weisheit, dass Nähe immer noch das beste Verkaufsargument für Nachrichten ist, bleibt auch im Internetzeitalter bestehen. Gerade hier müsste also die Chance der meist familiengeführten Verlage liegen. Oder? Was man dort jedoch zu lesen bekommt, lässt einen regelmäßig erschaudern. Ein paar Polizeimeldungen, Pressemitteilungen der am Ort ansässigen Vereine und pro Tag maximal 1-2 von Redakteuren recherchierte und (schlecht) geschriebene Geschichte. Wo bitte soll dort die Wettbewerbsverzerrung durch eine App der Tagesschau entstehen? Gerade im Lokalen ist so viel im Internet möglich, auch durch die Beteiligung der Leser. Aber auch hier ist Qualität gefragt statt Gewinnmaximierung. Einige Verlage – wie z.B. die Rheinzeitung – haben das schon erkannt. Andere werden wohl bald den Laden dicht machen. [Die Ruhr-Nachrichten, zu deren Verlagsgruppe auch die Emsdettener Volkszeitung gehört, sind übrigens einer der Kläger]
Nachtrag: Ok, ich besitze ein Android-Smartphone. Aber dieses Bild von der Spiegel-Online-Meldung zeigt ganz bestimmt nicht die tagesschau.de-iPhone-App:
Nachtrag, 22.6.2011, 16:00 Uhr: Weitere Stimmen zu der Debatte u.a. von
- Richard Gutjahr: Un-appetitlich: Die Klage gegen die Tagesschau
- Stefan Englert: Das Problem der Verleger mit den Öffentlich-Rechtlichen
- Dennis Horn: Kommentar: Warum ich mein Abo der Süddeutschen kündige
Hinweis: Ich habe selbst 6 Jahre lang als Mitarbeiter für tagesschau.de gearbeitet und finde den Laden immer noch gut. Außerdem habe ich mein Journalistenleben bei der Konkurrenzzeitung der erwähnten Heimatzeitung begonnen, die für ihre innovative Lokalberichterstattung mehrfach ausgezeichnet wurde, aber 2002 den Zeitungstod starb.


Endlich mal jemand, der es auf den Punkt bringt. Ich kann das elende Gejammer nicht mehr hören. Wie kleine Kinder.
Danke!
Das Bild ist genial. Der Macher hat tagesschau.de im Safari aufgerufen, “iphone app” in die Suchleiste eingetippt und dann das Foto angefertigt. Da kann man nur mit dem Kopf schütteln…
Muss Daniel zustimmen: Danke!
Zum Bild: Wir arme Arbeiter sind in Online-Redaktionen aber auch aufgeschmissen. Zumindest vor ein paar Monaten war auf den Fotodiensten der Agenturen nichts aus dem Bild zu finden – klar, die App gab es ja noch nicht. Also womit bebildern?
Ich verstehe die Motivation der Zeitungsverlage nicht. Glauben die denn, dass Politik und Justiz den Schwindel nicht bemerken? Oder noch schlimmer: könnten die Verlage damit Recht behalten? Und wofür? Sicherlich nicht für gute Bezahlung der tatsächlichen Werkschaffenden, den Journalisten. Siehe NDR Zapp vom 15.06.2011, “Kampf um Qualität – Journalismus unter Tarif”: http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/zapp/zeitungen_zeitschriften/tarifstreit103.html
Die Frage ist halt, wer für z.B. die Welt-App noch 5,99 pro Monat zahlt, wenn es die Tagesschau-App für umme gibt. Das Geschäft der Zukunft sehen die Verlage in genau dieser Art Abos und da stört die kostenlose Konkurrenz. Insbesondere natürlich, wenn die kostenlose Konkurrenz die Reputation und die Reichweite der Tagesschau hat.
Man könnte auch behaupten, die haben aus der Entwicklung des Internets (“Kostenloskultur”) gelernt und wollen das im Bereich des mobilen Internets von Anfang an unterbinden.
Schade, dass solche Stücke nur im Netz existieren – und die FAZ heute auf Seite 1 mit einer lächerlichen Polemik zur Rechtfertigung dieser Nonsens Klage sicherlich mehr Reichweite hat um ihrer verqueren Sicht ‘Momentum’ zu geben.
So isses!
Es ist längst nicht mehr Aufgabe der Printmedien, Breaking News zu verbreiten, sondern die Nachrichten des Vortages aufzubereiten; für aktuelle Meldungen nutze ich neben dem Internet nach wie vor gerne Videotext, und den während der Arbeit mangels TV eben im Netz: Was nicht unter http://www.ard-text.de steht, muss ich erstmal auch nicht wissen.
Die Internetportale der Zeitungen sind für die schnelle Orientierung leider wenig geeignet, viel zu unübersichtlich, viel zu aufgebläht, zappelige Werbung, lange Ladezeiten und die wichtigen Neuigkeiten muss man sich erst zusammensuchen.
Daher sind Apps der Tagesschau etc. keine Wettbewerbsverzerrung, sondern füllen eine Lücke, die die Verleger ohnehin nicht selber schließen wollen.
P.S.: Die gleichen Klagelieder haben die Verleger bereits bei Einführung des Videotextes angestimmt. Es ist ja auch viel einfacher, lauthals zu jammern, als sich der neuen Medien intelligent zu bedienen. Oder wenigstens bessere Zeitungen zu machen.
ich kann mich ja irren, aber meines Wissens ist die Tagesschau nicht Steuer sondern Gebühren finanziert. Ich zahle dafür jedes Quartal an die GEZ, und für dieses Geld erwarte ich, dass diese Informationen für mich aufbereitet werden und so angeboten werden das ich sie auch mit dem Smartphone abrufen kann. Müsste ich jetzt für das App bezahlen wäre das so als wenn ich mir eine Zeitung kaufe und dann für bestimmte Seiten nochmal Geld auf den Tisch legen um diese auch lesen zu können.
@André Genau so läuft das bei den Zeitungen. Abonnenten müssen für die App nochmal bezahlen.
P.S.: Gibt es eigentlich Klagen von Guardian, Daily Mirror, NYT, Wall Street Journal auch gegen die kostenlosen Nachrichten-Apps von PBS und BBC?
Claus Hesseling, Ihre Argumente finde ich nicht alle stichhaltig: Nur weil BILD Geschichten veröffentlicht, die die Tagesschau nicht bringt und umgekehrt, heißt ja nicht, dass es nicht auch eine Schnittmenge gibt, die bei beiden Medienhäusern Thema sind. Ich sehe die Motivation zur Klage der Zeitungen eher in dem Effekt auf die Öffentlichkeit und direkt wie indirekt in dem Druck auf Politik und andere regelnde Instanzen (EU, Kartellbehörden, …): Das eigene Revier wird lauthals verteidigt, im Zweifelsfall auch am Hindukusch, damit neben der “unsichtbaren Hand des Marktes” und der der technologischen Entwicklung nicht auch noch der Staat (weiter) Umsatz und Profit mindert.
Gut auf den Punkt gebracht. Im Gegenteil finde ich die Anmaßung, die die Verleger an den Tag bringen, eine Zumutung. Die Internetangebote sind, durch die Verlagslobby durchgedrückt, eh schon beschnitten genug. Zumal die Tagesschau-App im Endeffekt nichts anderes ist, wie im Browser tagesschau.de anzuwählen. Der Inhalt ist der gleiche, nur schneller und komfortabler zu erreichen. Das es die Verlage nicht schaffen, mit ihren Apps einen Mehrwert gegenüber ihrem Internetangebot und ihrem Printangebot zu liefern, dass kann nicht das Problem der ÖR und der Gebührenzahler sein.
Vielen Dank. Ich sehe das ziemlich ähnlich: es besteht und bestand zu keinem Zeitpunkt eine Konkurrenzsituation (http://m47ch.com/?p=1901).
Der oben genannte Kommentar von Dennis Horn drückt das auch sehr gut aus.
Pingback: Netzpresse: Und alles wegen einer App: Die letzte Schlacht der Zeitungsverleger
Pingback: Tagesschau App auf dem Prüfstand » m47ch.com
Das Problem mit dieser Sache ist ganz einfach:
Wir haben die Apps, die Apps stellen ein relativ “neues” (im Applesinn) Mediensegment dar, dass jetzt natürlich alle für sich nutzen wollen, natürlich mit möglichst wenig Einsatz und maximalen Gewinn. Aber halten wir mal eines fest: Die meisten Apps der Verlage erleichtern einfach den Zugriff auf die Internetseite der jeweiligen Zeitung ohne echten Mehrwert. Dafür Geld zu verlangen ist ebenso dreist wie diese Klage. Erinnert mich aber sehr an den Streit um tagesschau.de und heute.de, die ja mittlerweile alte Nachrichten “depublizieren” müssen, weil die Politik (vielen Dank!) vor den Verlegern zu Kreuze gekrochen ist. Aber selbst damals fand ich schon das Argument lächerlich, welche Zeitung macht mit Meldungen von vorvorvorvorvorvor(wahlweise, je nach Art der Meldung noch ein paar vors)gestern Gewinne? Genauso müssten sich jetzt erstmal die Verlage fragen “was müssen wir unseren Kunden bieten, damit diese gerne bereit sind unser App zu kaufen”. Nur die wenigsten machen es richtig.
Warum beschwert sich eigentlich keine Verlag über die kostenlosen Apps von Focus und Spiegel Online, sondern nur über die Tagesschau-App? Will man sein eigenes Nest nicht beschmutzen?
Facts – shall we?
Die Tagesschau-App (und auch Tagesschau.de) werden mit Gebührengeldern finanziert. Weder die die Website, noch die App müssen wirtschaftlich sein, und das bei einem Jahresetat für tagesschau.de von 6,1 Millionen – so kann kein privatwirtschaftlicher Verlag arbeiten. So lassen sich Features und Anwendungen finanzieren, die etwa für die hier erwähnten Regionalzeitungen jenseits jeder Machbarkeit sind.
Hier ist ein Produkt auf den Markt gebracht worden, das im Gegensatz zur
Konkurrenz nichts erwirtschaften muss – was man Wettbewerbsvorteil nennen kann oder eben, von der anderen Seite betrachtet, Wettbewerbsverzerrung.
Im Unterschied zu UK, wo es ein rigides Prüfsystem für die BBC-Aktivitäten gibt, haben hierzulande die sendereigenen Rundfunk- und Verwaltungsräte die App (und die Etats, und …) durchgesunken. Was ungefähr so ist, als könnte man das eigene Gehalt festlegen und sich zudem bescheinigen, dass man das wirklich dringend in der selbst festgelegten Höhe braucht.
Noch was: Die Nachrichten sind frei? Man muss nicht immer alles glauben, was Jeff Jarvis so schreibt. Frei? Oder verlinkt, auf – Zeitungswebsites? Nachrichtenportale? Mal überlegen: Was wäre denn da, ohne Newswebsites (inklusive der privat finanzierten)? Genau. Das hier:
@The Bud:
Genau. Das kann man nicht nur Wettbewerbsverzerrung nennen – das ist es auch. Wie der gesamte öffentliche-rechtliche Rundfunk. Und zwar eine gewollte.
Nämlich damit jeder auch ohne die 5,99 €, oder was auch immer die Verlage bei Abwesenheit einer kostenfreien Alternative für ihre Nachrichten nehmen würden, aktuelle Nachrichten lesen kann und sich über das Weltgeschehen auf dem Laufenden halten kann.
Ich wundere mich eher, warum die ARD nicht einfach eine optimierte Mobilversion ihrer Website anbietet. Das was die (native) App kann ist mit HTML/CSS/JS locker auch zu schaffen, der lächerlichen Klage wäre der Boden entzogen und sie würden gleichzeitig noch ihre Reichweite erhöhen und Android und Blackberry gleich mit versorgen. Wahrscheinliche einfach schlecht beraten…
@lab
Und die Konsequenz wäre: Staatlich finanzierte und kostenlos angebotene Magazine und Zeitungen und Bücher. Bei einer Internet-Zugangsquote von 72 Prozent aller Deutschen im Alter von 14 Jahren und darüber sind da immerhin noch mehrere Millionen Menschen hierzulande, die die Internetangebote nicht nutzen können.
Die Zahl derer, die die tagesschau-App nicht nutzen können, weil sie gar kein Smartphone haben und sich auch keines leisten können, ist noch deutlich größer. Und man kann sich in diesem Zusammenhang durchaus fragen, warum ausgerechnet Smartphone-Nutzer in punkto Nachrichten alimentiert werden müssen. Geld für Informationen sollte gerade bei denen nicht unbedingt ein Problem sein.
Mit der optimierten Website gäbe es in der Tat kein Problem. Denn die Sache ist doch die: News im Web bringen kein Geld. News als App schon – Kaufbereitschaft und Kaufkraft derer, die sich im App-Store tummeln, ist größer als anderswo. Die wollen die Verleger nicht verlieren durch eine Konkurrenz, der es egal sein kann, wie das Geld, das sie für Produkte ausgibt, wieder hereinkommt – und ob überhaupt. Dass die Verleger das nicht witzig finden, halte ich für absolut verständlich.
Will sagen: Um die Inhalte-Diskussion (“sendungsbezogen”) geht es nur in zweiter Linie. Das ist eine mögliche juristische Handhabe, mehr nicht. Und widersprechen muss man Claus Hesseling in Sachen Südsudan. Netter Versuch. Tatsächlich haben sich tagesschau.de (und auch die App) ganz und gar in den Nachrichtenmainstream eingeklinkt. Was auf der Seite angeboten wird, ist mindestens in Bezug auf die Nachrichtenauswahl nicht anders als bei den großen privaten Newswebsites. Wenn es anders wäre, gäb’s kein Problem.
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