Digitales Büro für Journalisten und Journalistinnen: Mein Setup

Ende Juli war ich zu Gast bei der Henri-Nannen-Schule, um mit den Schülerinnen und Schülern des neuen Jahrgangs das weite Feld der digitalen Werkzeuge abzuschreiten. Werkzeuge, die Journalistinnen und Journalisten für ihre tägliche Arbeit nutzen können.

Einige dieser Tools nutze ich selbst und habe sie in meine Arbeit integriert, andere habe ich lediglich gezeigt (weil sie entweder Copycats sind oder sich nicht in meine Umgebung integrieren ließen). Nicht alle Werkzeuge sind für alle Journalisten nutzbar oder sinnvoll. Vor allem, wenn man in eine feste (= meist unflexible) IT-Struktur eingebunden ist, hat man wenig Spielraum. Als freie/r Journalist/in kann und muss man sein eigener IT-Support sein.

Die Herausforderung: Mobil und Multi-Plattform

Wer als Journalist viel unterwegs ist und/oder an mehreren Rechnern arbeitet, ist darauf angewiesen, dass man von überall auf seine wichtigen Daten zugreifen kann. Vor allem der Kalender ist wichtig, um Termine, Interviews, Drehs und Produktionen zu planen. Aber auch die Kontaktdaten sollten überall verfügbar sein – und editierbar: Wer unterwegs Anrufe bekommt, möchte manchmal die Nummer speichern und den Kontakt später am PC weiter bearbeiten.

Das Zauberwort lautet Synchronisation. Aber wie lassen sich Daten zwischen mehreren Plattformen (Büro-PC, Laptop, Tablet, Smartphone) synchronisieren? Dafür braucht man einen Platz im Internet, der meine Daten speichert und zwischen den verschiedenen Geräten austauscht – neudeutsch spricht man auch von „cloud computing“.

Das Herz: Owncloud

Owncloud ist eine open source-Software, die viele Funktionen bestehender Cloud-Dienste bündelt. Mit Owncloud lassen sich unter anderem

  • Dateien online speichern, archivieren, von unterwegs abrufen und mit anderen Nutzerinnen und Nutzern teilen (wie bei Dropbox).
  • Kalender online verwalten (wie bei Google Calendar).
  • Notizen online verwalten (wie bei Google Calendar oder RememberTheMilk).
  • Lesezeichen online verwalten (wie bei Delicious).
  • Kontakte online verwalten (wie bei Google Contacts)
  • RSS-Feeds sammeln und lesen (wie beim Google Reader, R.I.P.).

Der Vorteil bei Owncloud: Die Daten werden auf meinem eigenen Server gespeichert. Das heißt, Google, Dropbox und Co. bekommen die Inhalte nicht zu Gesicht. Einzig der Internet-Hosting-Provider, auf dessen Servern man Webspace gemietet hat, hat Zugriff auf die Daten. Wer ganz autark sein will, kann sich auch einen Server selbst bauen und ins Wohnzimmer stellen.

Als einzige Kosten fallen also die monatlichen Gebühren für Webspace an. Wer bereits seine Webseite bei einem Hosting-Provider laufen lässt, muss oft keine Extrakosten zahlen. Bereits das kleinste Hosting-Paket meines Providers all-inkl kann man für die Installation der Owncloud nutzen.

Die Installation ist etwas kniffelig, man kann es entweder selbst per Hand erledigen oder bei manchen Providern über automatisierte Installationsskripte (bei all-inkl kann man im Kasserver-Backend über das Menü “Tools > Softwareinstallation” aus der Softwareliste “Owncloud” auswählen). Für die mobile Nutzung auf meinem Android-Telefon müssen noch drei kostenpflichtige Apps hinzugefügt werden: Die Owncloud-App (für den Dateiaustausch), die CalDav-App (für die Synchronisation von Kalender und Notizen) sowie die CardDav-App (für die Kontakte.)

Auf dem Rechner lässt sich die Owncloud entweder über den Browser verwalten – oder über die entsprechenden Programme. Für den Dateiaustausch (=Dropbox) kann man unter Windows, Mac und Linux eine Sync-Software installieren. Mein Email-Programm Thunderbird kann über das Add-On Lightning die Kalender- und Notiz-Daten synchronisieren, und mit etwas Umständen auch die Kontakte. Die Notizen lassen sich beispielsweise unten rechts im Email-Hauptfenster anzeigen, die Termine oben rechts neben den Emails. So hat man immer alle wichtigen Funktionen im Überblick.
Ich nutze allerdings nicht alle Owncloud-Möglichkeiten, sondern vor allem die Kalender-, Kontakt-, Notiz- und Dateiaustausch-Funktionen von Owncloud.

Lesezeichen 3.0

Wer oft auf interessante Seiten und Artikel im Netz stolpert, kann sie als Browser-Lesezeichen speichern. Allerdings wird die Lesezeichen-Liste ziemlich schnell ziemlich unübersichtlich. Unter den ersten Sozialen Netzwerke, die ich genutzt habe, war eines für sogenanntes „Social Bookmarking“: Delicious. Mit Delicious lassen sich Lesezeichen für interessante Seiten anlegen und in der Cloud speichern. Sie werden allerdings nicht wie Dateien in einer Baum-/Ordner-Struktur abgelegt, sondern mit sogenannten „Tags“ versehen – kurzen Stichworten, die mir das Auffinden erleichtern. Wenn ein neuer Beitrag zum Thema „Kaffee“ naht, kann ich relativ schnell auf alle meine Delicious-Lesezeichen zurückgreifen, die ich zuvor mit dem Schlüsselwort „Kaffee“ getagged habe. Zudem – und das ist das „soziale“ am „Social Bookmarking“ – kann man anderen Menschen folgen, die interessante Dinge bookmarken.

Der Dienst gehörte lange zu Yahoo, wurde dann von der ursprünglichen Entwicklerfirma vor dem Aus gerettet und weiterentwickelt. Delicious war und ist kostenlos – und der Vorfall hat jedoch gezeigt, dass dies ein Risiko für das Überleben eines Dienstes sein kann.

Deshalb bin ich zeitgleich mit vielen anderen auf den kostenpflichtigen Dienst Pinboard.in umgestiegen. Die einmalig zu zahlenden rund 10 US-Dollar in der Basis-Version sind gut angelegtes Geld. Per Bookmarklet lassen sich besuchte Seiten schnell als Lesezeichen speichern. Es gibt zudem eine teurere Variante, die nicht nur meine Lesezeichen speichert, sondern auch eine Version der Seite. Falls diese offline sein sollte, kann ich immer noch auf die bei Pinboard gespeicherte Version zurückgreifen. (Alternativ lässt sich das auch mit dem Firefox Add-on Scrapbook erledigen).

Ein weiterer Vorteil von Pinboard: Jeder Tweet, den ich in Twitter oder Tweetdeck als Favorit markiere, wird automatisch gebookmarkt. So lassen sich interessante Links in Tweets schneller speichern.

Für Android gibt es zudem eine Android-App für Pinboard.

Leseliste: Pocket

Anders als Pinboard oder Delicious speichert Pocket den Text des Artikels in der Cloud ab. Das ist vor allem praktisch, wenn man interessant Artikel nicht gleich lesen kann, sondern sie sich zum Beispiel für lange Zugfahrten oder Flüge aufheben möchte.
Über das Firefox-Add-On lassen sich Artikel mit einem Klick auf das Symbol in der Adressleiste bei Pocket speichern. Ist das Smartphone oder Tablet am Netz, werden automatisch über die App die Texte synchronisiert. Weiterer Pluspunkt: Die Texte sind auf das Wesentliche reduziert und damit sehr gut lesbar.

Schönes im Abo: RSS

Durch Twitter haben RSS-Feeds an Bedeutung verloren, jedoch stoße ich in meinen abonnierten Feeds immer wieder auf interessante Themen und Artikel, die ich woanders noch nicht gesehen habe. Außerdem sind RSS-Feeds als Themen-Finder praktisch: Man kann Feeds zu den Themen abonnieren, die man als Journalist beackern muss – und wenn dann die Redaktion wieder ein Beitrag zu dem Thema plant, muss man lediglich in seinem RSS-Reader das Stichwort eingeben und bekommt eine bereits gefilterte Liste an oft relevanten Artikeln zu dem Thema.

RSS-Feeds bieten die Möglichkeit, Inhalte von Webseiten (Nachrichtenseiten, Blogs) zu abonnieren – ähnlich wie ein Zeitungsabo. Statt eines Briefkastens braucht man dafür einen Feed-Reader. Dabei gibt es mehrere Varianten:

  • Fast alle Emailprogramme beinhalten eine RSS-Funktion,
  • es lassen sich Desktop-Feedreader unter Windows und MacOS installieren,
  • man kann Cloud-basierte Feedreader nutzen.

Der Vorteil der letztgenannten Variante ist, dass man (wenn man mehrere Geräte nutzt) Inhalte nicht mehrmals liest, sondern dass sich die Feedliste automatisch synchronisiert.

Nach dem Aus für den Google Reader ist es nicht einfach geworden, etwas Vergleichbares zu finden. Bei mir haben gleich zwei RSS-Reader den Platz übernommen: Fever und TT-RSS. Beides muss ähnlich wie Owncloud auf dem eigenen Webspace installiert werden.

Während TT-RSS wie ein herkömmlicher Feedreader funktioniert, sortiert Fever die Artikel nach “Fiebergrad” – per Algorithmus werden die meistdiskutierten Themen gebündelt angezeigt.

Auf dem Laufenden bleiben mit Podcasts

Podcasts bieten eine gute Möglichkeit, auf dem Laufenden zu bleiben. Man kann allgemeine Sendungen verschiedener Radiosender abonnieren (Nachrichten von der BBC, Hintergrund-Stücke vom DLF) oder Podcasts zu Spezialthemen abonnieren. Meine Empfehlung: Mit der Android-App Podkicker Pro Podcasts direkt aufs Smartphone laden und unterwegs hören.

Comments

  • Jonas

    Hallo Claus, schau Dir mal bei Gelegenheit für nicht allzu geheime Files die Dropbox-Alternative copy an, falls Du sie nicht eh schon kennst. Die bieten umsonst 15G und verschlüsselte Kommunikation mit den Servern. Apps für Win, iOS, Andriod, Linux, Mac. Gemacht von Barracuda Networks.

  • Ist es nicht wieder auf ganz andere Weise riskant für Journalisten, sensible Daten wie Kontakte, Termine und Dateiablage gebündelt mittlels Owncloud auf einem eigenen Server zu speichern? Kommt der Journalist ins Fadenkreuz, liegt mit einem einzigen Hack (oder ggf. einer Ermittlung beim Provider) alles offen.

  • Owncloud lässt sich auch auf einem eigenen Server, sogar einem Raspberry Pi installieren. Oder man nimmt gleich mehrere für die unterschiedlichen Dienste. Auf jeden Fall ist es sicherer, als einem Cloud-Anbieter zu vertrauen.

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