re:publica-Bilanz: Mehr digitale Empathie wagen

Hinweis: Dies ist ein Crossposting des Originalartikels, der sich im Blog der ARD.ZDF-Medienakademie befindet.

re:publica 2013

Wenn die re:publica 2013 eines gezeigt hat, dann dass das mooresche Gesetz tatsächlich Realität ist. Noch nie waren so viele zu Deutschlands wichtigsten Netz-Treffen gekommen. Und trotzdem: Das Wlan-Netz in der STATION in Berlin funktionierte – fast ohne Probleme. In der Vergangenheit war das nicht immer so.

Das exponentielle Wachstum der digitalen Technik, und damit auch der Möglichkeiten, die diese Technik bietet, standen im Zentrum vieler Vorträge und Diskussionen auf der re:publica 2013. „Wir sind gerade erst dabei, das zweite Feld des Schachbretts zu betreten“, sagte Matthias Spielkamp – und meinte damit ein Mashup aus dem mooreschen Gesetz und der Weizenkornlegende der Schachspielerfindung. Gemeint war: Die digitale Revolution ist gerade erst gestartet, die Umwälzungen in den kommenden 10 bis 20 Jahren könnten radikaler sein, als wir es uns heute vorstellen können. Nicht nur dank der Hardware – sondern vor allem durch immer „klügere“ Algorithmen.

Auf die Euphorie folgt die Katerstimmung

Der positive Blick in die Zukunft – das hatten alle bisherigen Auflagen der re:publica gemein. Vor allem im vergangenen Jahr: Politisch hatte die „Netzgemeinde“ (was immer das auch ist) einige Erfolge zu verbuchen. Und mit der Piratenpartei, so dachten viele, seien erstmals Menschen in den politischen Diskurs eingetreten, die neue Digitalwelt verstehen würden.

Auf die Euphorie folgte die Katerstimmung. Ein fast beleidigter Unterton zog sich durch einige der Veranstaltungen. Warum nimmt uns keiner wahr? Das Netz ist mittlerweile allgegenwärtig, aber warum schaffen es Netzthemen nicht in die Diskussion der breiten Gesellschaft?

re:publica 2013

Dueck: „Mehr digitale Empathie wagen“

Selbst schuld, sagte zumindest Ex-IBM-Manager Gunter Dueck. Die digitale Boheme glaube, die richtigen Antworten auf alle drängenden Fragen zu haben, sei im Umgang aber rechthaberisch und nicht kompromissbereit. Statt beleidigtes „ranten“ im Blog, warb Dueck für mehr Empathie in der digitalen Welt. Bevor man sich aufrege, solle man sich erst in den jeweils anderen hineinversetzen – auch im Hinblick auf die Diskussion um die Bandbreitenbegrenzung der Deutschen Telekom. „Wofür braucht man 75 GB? Ich habe mit meinem Handyvertrag 1 GB und erst einmal eine Warnung bekommen, dass ich die Grenze erreicht habe. Können Sie nicht ein wenig Telekom-empathisch sein?“ Vermutlich allerdings wird Herrn Duecks Vertrag nicht von einer Familie genutzt, die via Wohnzimmercomputer Spielfilme (in HD) oder die Mediatheken schaut. Was im Jahr 2013 nun wirklich keine Seltenheit mehr ist.

Dank #Drosselkom werden Geek-Themen salonfähig

Netzneutralität war eines der großen Themen des Treffens – wieder einmal. Denn re:publica-Mitbegründer und Netzpolitik-Aktivist Markus Beckedahl redet seit mehr als seit zehn Jahren darüber. Es scheint so, als freue er sich fast über die Ankündigung der Telekom. Denn dadurch werde das Thema plötzlich auch in Geek-fernen Schichten diskutiert. Aber auch die Geeks kamen auf ihre Kosten, unter anderem beim Panel zu „Neutral Exchanges“ und nicht-staatliche IXPs.

Selbstbefreiung der Daten

Der Kampf für ein möglichst offenes und freies Internet stand zudem bei dem überraschenden Vortrag von Sascha Lobo im Mittelpunkt. Zwar hatte er bereits auf der re:publica 2012 dafür geworben, die eigenen kreativen Inhalte nicht in abgeschlossenen Silos wie Facebook oder Twitter zu versenken, sondern sie lieber offen auf dem eigenen Blog zu publizieren. Aber diesmal wurde es konkreter: Zusammen mit Felix Schwenzel stellte Lobo „Reclaim Social Media“ vor. Das ist eine WordPress-Erweiterung, die alle Aktionen des Nutzers auf Social Media-Plattformen (vom „Gefällt mir“ auf Facebook bis zum „Pinterest“-Foto) auf dem eigenen Blog spiegelt.

re:publica 2013

ARD und ZDF: Mehr Transparenz und Flexibilität gefordert

Was wird aus dem Buch, dem Radio und dem Fernsehen in der digitalen Welt? Das Thema Medienwandel wurde heiß debattiert. Dabei nahm auch die Diskussion um die Zukunft der Öffentlich-Rechtlichen einen breiten Raum ein. Die Forderung: ARD und ZDF müssten flexibler und transparenter werden. Der Darmstädter Journalistik-Professor Lorenz Lorenz-Meyer kritisierte die „byzantinischen Entscheidungsstrukturen“ in den Anstalten und forderte die Öffentlich-Rechtlichen auf, sich auf die eigenen Stärken zu besinnen, anstatt sich an der privaten Konkurrenz zu orientieren.

ARD und ZDF sollten offener sein für interessierte Bürgerinnen und Bürger und Weiterbildungsangebote nach dem Vorbild der BBC-Academy bieten. Und: Es solle eine Online-Datenbank geschaffen werden, die alle Inhalte und Informationen der Sender in einer strukturierten Form enthalten solle. Jeder Internetnutzer solle die Möglichkeit erhalten, diese Daten abzufragen.

In eine ähnliche Richtung geht auch die Initiative des Datenjournalisten Lorenz Matzat. Die Arbeitsgruppe „Open ARD ZDF“ möchte mehr Transparenz schaffen – nicht nur was den Umgang mit den Rundfunkbeiträgen angeht. Die Hälfte der Teilnehmer bei einem ersten Treffen zu dem Thema auf der re:publica waren Mitarbeiter der Öffentlich-Rechtlichen – viele von ihnen begrüßten die Initiative. Ein erstes Projekt könnte sein, darzustellen, wie viele Programmminuten durch die „Depublizierungsvorgaben“ der Rundfunkstaatsverträge jeden Tag für die Nutzer verloren gehen. Diskutiert wird in Zukunft über die Mailingliste und ein Etherpad, zudem gibt es ein Wiki.

Weitere Projekte der Öffentlich-Rechtlichen auf der re:publica:

Und sonst?

Das Internet hat jetzt ein Logo. Und, ach ja, passend zur Katerstimmung wurde natürlich auch über Katzencontent gesprochen…

 

Fotos: Claus Hesseling (CC BY-SA). Mehr auf Flickr.

Uncool, unsozial und unökologisch: Warum die Zeit für die großen Sozialen Netzwerke abläuft

Zusammenfassung: Die großen Sozialen Netzwerke schränken die Nutzerfreundlichkeit immer weiter ein und schotten sich ab. Wir lassen uns das nur noch gefallen, weil das nächste große Ding noch nicht da ist. Dann kann es aber ganz schnell gehen.

Getting ready to serve the barbeque dinner at the Pie Town, New Mexico Fair  (LOC)
Eine API ist wie eine offene Bäckerei…irgendwie. Foto: Russell Lee, Quelle: Library of Congress on Flickr

Es ist nur eine kleine Meldung, und nicht mal eine, die überrascht: Tweetdeck für mobile Plattformen und für die Adobe Plattform Air soll nicht weiterentwickelt werden. Nutzer sollen lieber die originale Twitter-App nutzen.

Artenvielfalt: Twitter und sein Ökosystem

Tweetdeck ist ein sogenannter Twitter-Client. Eine Anwendung, die es einfach macht, Tweets zu versenden (auch über mehrere Account) und in Kolumnen Erwähnung, Direktnachrichten, Listen oder gespeicherte Suchen anzeigt. Auch die Integration von anderen Sozialen Netzwerken, wie zum Beispiel Facebook oder LinkedIn war möglich. Entwickelt wurde die Software 2008 und erfreute sich großer Beliebtheit. Andere bekannte Twitter-Clients sind Hootsuite oder Seesmic. Denn die Twitter-Homepage war und ist immer noch ein Usability-Desaster.

Nicht nur aus diesem Grund entstand rund um Twitter ein komplettes Ökosystem von Anwendungen, die über die Programmierschnittstelle, die sogenannte API, die Twitter-Nachrichten schicken und abrufen konnten. Ein mehr oder weniger offenes System, dass für jeden Nutzer-Geschmack etwas zu bieten hatte. Und wer mehr brauchte, konnte es sich einfach programmieren (lassen).

Hintergrund: So funktioniert eine API

Zu erklären, wie eine API funktioniert, ist nicht einfach. Ich versuch es mal: Die Twitter Webseite wäre in diesem Beispiel eine Bäckerei und Konditorei. Ich kann dort hingehen und Brötchen und Kuchen kaufen. So weit so gut. Die Bäckerei bietet aber auch einen besonderen Service für seine Kunden: Wer will, kann sich die Rezepte für Kuchen und Brötchen dort ausdrucken lassen – und sogar die Zutaten dort zum Selbstkostenpreis kaufen. Jeder Kunde kann die Zutaten selbst variieren, das Brot selbst backen – und wieder in der Bäckerei und Konditorei verkaufen lassen. Die Bäckerei hat also eine offene Schnittstelle in der Daten (Rezepte und Zutaten) raus und wieder rein (Rezeptvariationen und fertige Brötchen) gehen. Was hat der Bäcker davon? Er bekommt im Idealfall treue Kunden, in der Bäckerei ist immer etwas los, er kann dort also Werbung von anderen Lebensmittelherstellern und Kochbuchverlagen anzeigen und sich neue Erlösmodelle ausdenken. – Hintergrund Ende –

API-Kahlschlag: Tweetdeck, Falcon und Co.

Diese Zeiten sind vorbei. 2011 kaufte Twitter Inc. die Macher von Tweetdeck und ihr Projekt auf. Kurze Zeit später wurde die Integration anderer Dienste zurück gedreht. Und mit dem Ausstieg aus den mobilen Anwendungen ist es jetzt nur noch eine Frage der Zeit, bis Tweetdeck verschwindet.

Es wäre nicht die erste Twitter-App, im Gegenteil. Denn Twitter hat in den vergangenen Monaten die oben erwähnte Schnittstelle immer mehr geschlossen. Eine der neuen Vorgaben von Twitter war, dass externe Twitter-Clients nicht mehr als 100.000 Nutzer haben dürfen. Diese Schallgrenze wurde zum Beispiel vor Kurzem von der App Falcon erreicht. Neue Nutzer können sich praktisch nur noch anmelden, wenn alte Nutzer ihren Account aufgeben.

Die Twitter-Serengeti ist schon tot

Das Ziel ist klar: Twitter will alle Nutzer auf seine Webseite oder in die offizielle App zwingen – vor allem um dort Werbung anzeigen zu können.

Der Kollateralschaden ist groß. Wäre das Twitter-Ökosystem ein echtes Ökosystem, würden längst BUND, Nabu und Greenpeace für den Fortbestand kämpfen. Und genau wie die Großgrundbesitzer, die Urwald abholzen, dort Soja oder Biosprit-Pflanzen anbauen, vergessen, dass sie mit einem kurzfristigen Erfolg langfristige ökologische und ökonomische Schäden verursachen, sieht Twitter nicht die Gefahr, die in dem Schritt lauern könnte. Serengeti darf nicht sterben. Zu spät.

Wann kommt der Wettbewerber, der besser ist?

Denn die Kurznachrichten-Plattform hat kein natürliches Monopol. Wenn ein Wettbewerber die sich öffnende Nische besetzt, könnte es schnell eng werden für Twitter. Einziges Manko ist die kritische Masse, die der andere Dienst erreichen müsste. Dass also so viele Nutzer dort hin wechseln, dass dort schnell Diskussionen in Gang kommen und sich somit ein Wechsel für andere lohnt.

Facebook: Facebook wird uncool

Aber es gibt ja noch Facebook. Allerdings mehren sich auch hier die Stimmen, dass das Soziale Netzwerk seinen Zenit vielleicht schon erreicht hat. Dass die Wachstumsraten sinken ist okay, schließlich finden sich nur noch wenige Internetnutzer, die keinen Facebook-Account besitzen. Allerdings hat die Begeisterung für das Neue abgenommen. Die Interaktionen im digitalen Freundeskreis werden weniger, nur selten kommt es zu wirklichen Diskussionen.

Blake Ross, ehemaliger Produktmanager bei Facebook, schrieb am Tag seiner Kündigung an seine Pinnwand halb im Scherz, halb Ernst, dass ein Forbes Journalist den Freund seines Sohnes gefragt habe, ob Facebook immer noch „cool“ sei. Er sagte nein, zudem würden alle seine Freunde so denken — sogar Leila, die Facebook immer geliebt hat.

Privatsphäre und Sichtbarkeit

Nutzer stören sich an den miesen Privatsphäreeinstellungen, die sich alle paar Monate ändern. Außerdem entscheidet Facebook, welche Freunde interessant sind und angezeigt werden – und wessen Posts quasi verschwiegen werden. Transparenz sieht anders aus. Bei dem von Facebook für eine Milliarde Dollar erworbenen Fotodienst Instagram halbierte sich von heute auf morgen die Nutzerinteraktion als bekannt wurde, dass neue Nutzungsbedingungen in Kraft treten sollten (die gar nicht mal schlimmer waren als die aktuellen).

Unternehmen hingegen beklagen sich, dass nur noch 10 % ihrer Facebook-Posts in der Timeline der Nutzer erscheinen würden (außer wenn dafür gezahlt wird). Und Facebook selbst weiß offenbar nicht so recht, was werden soll, wenn immer mehr Nutzer auf mobile Geräte umsteigen.

Was kann Google+?

Und dann ist da ja noch Google+, das soziale Netzwerk des Suchmaschinengiganten. Zum großen Facebook-Konkurrenten hat sich der Dienst noch nicht aufgeschwungen. In den Anfangsmonaten wurde auf Google+ eigentlich vor allem über ein Thema geredet: Google+. Das ändert sich nun.

Zum einen, weil Google+ in der Tat einige nette Dinge zu bieten hat: Der Ansatz, verschiedene Nutzer in verschiedene „Kreise“ einzuteilen, sorgt dafür ziemlich detailliert dosieren zu können, wer was lesen kann. Hangouts, also eine Art Skype-Videogespräch mit mehreren Teilnehmern gleichzeitig, lassen sich direkt ins Netz streamen und auf Youtube veröffentlichen – und machen theoretisch jeden Nutzer zu einem Talkshow-Gastgeber. Auch die Communities-Funktion, mit der sich Gruppen organisieren, funktioniert überraschend gut.

Teamplattform und niveauvolle Diskussionen

Zusammen mit dem Office-Pendant Google Docs Drive ist Google+ eine gute Plattform für Teams, deren Mitglieder auf unterschiedliche Orte verstreut sind. Direkte Videogespräche, also synchroner Austausch, sowie asynchroner Austausch über Statusmeldungen, geteilte Links und gemeinsame Dokumente erleichtern die Arbeit.

Und: Die Diskussionen auf Google+ erreichen offenbar ein höheres Niveau als vergleichbare auf Twitter und Facebook. Das mag einerseits an dem verfügbaren Platz liegen, aber natürlich auch an der noch sehr starken Exklusivität des Clubs der Nutzter.

Plus-ifikation“ der Google-Welt

Allerdings: Eine echte API gibt es auch für Google+ nicht. Keine Clients von Drittanbietern. Kein Ökosystem. Statt einen Urwald möglich zu machen, wurde hier gleich die Monokultur gepflanzt. Und die Monokultur wird durch die fortwährende Integration verschiedener Google Anwendungen (wie zum Beispiel Youtube) – die sogenannte „Plus-ifikation“ – sogar noch erweitert.

Facebook, Twitter, Instagram, Google+ und andere haben etwas Neues geschaffen, was offensichtlich Milliarden Nutzer begeistert. Allerdings haben sie auch das offene Netz durch viele mehr oder weniger hermetisch abgeschlossene Räume ersetzt. Statt Urwald: Wieder Monokulturen. Monokulturen, die jedoch nicht mal einen Austausch an Blütenpollen ermöglichen. Bienen, die von einem Feld vom anderen fliegen wollen, wird ein Netz gespannt. Schließlich gibt es kein Recht auf einen Zugang zu den Pflanzen – selbst wenn die Bienen am Anfang erst dafür gesorgt haben, dass das Feld wächst und gedeiht.

Ein neuer Anfang?

Anil Dash hat das sehr schön beschrieben in seinem Artikel „The Web we Lost“. Die Offenheit und Kreativität des Netzes ist dahin. Heute regieren Abschottung und Einschränkung das Netz. API-Schranken, Bezahlschranken, Nutzungs-Schranken.

Lust habe ich persönlich keine mehr darauf. Andere offenbar auch nicht. Immer wieder sehe ich, dass Freunde und Bekannte, anstatt sinnlos in ihren Timelines herumzuscrollen, ihre lange vernachlässigten Blogs wieder mit Leben füllen (wie zum Beispiel KP Frahm). Vielleicht ist das offene Netz noch nicht tot. Vielleicht ist dies erst der Anfang von etwas Neuem.

Hörempfehlung: Über Algorithmen, Newsbots und Rivva

mojitos und kräne
Creative Commons License photo credit: pastpackingday

Der Rivva-Entwickler Frank Westphal war beim Dradio-Wissen Online-Talk zu Gast. Rausgekommen ist eine interessante Stunde Gespräch darüber, wie sich Trends und Themen im sozialen Netz erkennen lassen, wie Newsbots und Algorithmen funktionieren und wie ein einzelner Programmierer fast an seinem Code und den damit zusammenhängenden Problemen verzweifelt ist.

Die Algorithmen-Debatte (u.a. von Katrin Passig in der SZ zusammengefaßt) und das Problem der Filter-Blase kommentiert Westphal wie folgt:

“Die Idee von einem Empfehlungssystem ist ja tatsächlich, dass es die Dinge empfiehlt, auf die man nicht direkt gekommen wäre. Wenn ich bei Amazon jetzt immer noch die Artikel empfohlen bekomme, wo ich vor zehn Jahren einmal ein Geburtstagsgeschenk bestellt habe, das wäre nicht im Sinne es Erfinders. Ein guter Empfehlungs-Algorithmus führt mich über den Tellerrand.”

Hier die Audio-Datei des Gesprächs (MP3).

7 Tipps für eine erfolgreiche Facebook-Link-Überschrift

Harvard - birthplace of FacebookFoto: Kirkland House, Harvard – birthplace of Facebook – von rorycellan auf Flickr – CC-Lizenz.

 

Facebook und andere Social Media-Plattformen werden immer wichtiger für Nachrichtenseiten im Netz. Umso wichtiger ist es für Nachrichten-Webseiten, ihre Inhalte vernünftig auf diesen Plattformen zu verkaufen. Wie das erfolgreich funktionieren kann, dazu hat Facebook selbst einige Hinweise gegeben.

Background: Warum die Bedeutung von Facebook zunimmt

Wir leben in einer Link-Ökonomie – das behauptet zumindest Web-Guru Jeff Jarvis. Wer andere dazu bringt, auf sein Angebot zu verlinken, hat viele Vorteile. Bislang war Google die wichtigste Webseite, die Internet-Nutzer auf Nachrichtenportale gelenkt hat. Doch das ändert sich derzeit rapide.

Facebook wird immer wichtiger (laut Facebook steigerte sich die Anzahl der “Referrals” für eine durchschnittliche Medienorganisation um 300% in 2010). Denn für viele wird das Social Network die erste und wichtigste (vielleicht einzige Seite) die sie ansteuern. Bei vielen sogar schon vor dem Aufstehen. Man sucht nicht mehr nach Nachrichten, sondern erwartet, dass die Nachrichten dahin kommen, wo man sich bewegt.

Der Vorteil für die Nachrichten-Webseiten: Da die Facebook-Links entweder Empfehlungen von Freunden sind oder der Nutzer selbst zuvor die Status-Update via “Like”-Button abonniert hat, ist die Bereitschaft offenbar größer, die Texte auf den Webseiten in der Tat zu lesen.

Die Tipps vom Facebook-Mann (und anderen)

Wie also die eigenen Artikel, in denen viele Tage und Stunden Arbeit stecken, richtig auf Facebook verlinken? Vadim Lavrusik, der bei Facebook das Journalisten-Programm betreut, hat dazu einige Tipps parat. Praktisch, denn der Mann muss die Statistiken schließlich am besten kennen. Hier einige Hinweise:

1. Mini-Bloggen statt SMS: Die 420 Zeichen ausnutzen!

420 Zeichen – so lang ist ein Facebook-Posting maximal. Und diese Länge lässt sich auch ausnutzen. Während im Vergleich bei Twitter eigentlich nur eine kurze Headline möglich ist (Mikro-Blogging), bietet Facebook Platz für ein ausformuliertes Statement (Mini-Blogging). Zwei bis drei Sätze sind auf jeden Fall möglich – und sinnvoll, sagt zumindest Vadim Lavrusik. Hier ein Beispiel vom New York Times-Reporter Nicholas D. Kristof:

2. Geschichten verlinken, die für die eigenen Freunde interessant sind

Nur die interessanten Geschichten verlinken! Das ist eine Binsenweisheit – aber in der Praxis gar nicht so einfach. Bei 20-50 Meldungen, die eine durchschnittliche deutsche Nachrichtenseite am Tag produziert fällt die Auswahl schwer. Oder auch nicht: “Die Redakteure sollten sich fragen, welche Geschichten ihre Freunde wohl mit anderen teilen würden und über welche sie sich bei Facebook austauschen würden”, sagt Andy Carvin, verantwortlich für die Social Media-Aktivitäten beim amerikanischen  öffentlich-rechtlichen Radionetzwerk NPR.

3. Nicht nur Informationen – auf die Emotionen kommt es an

Interessant sind meistens die Geschichten mit vielen Emotionen. “Wir teilen auf Facebook nur nur informative Geschichten, sondern vor allem solche mit einem emotionalen Zugang”, sagt Ryan Osborn, Social Media-Direktor bei NBC News. Laut Vadim Lavrusik haben emotionale Geschichten sowie provokative, leidenschaftliche Debatten eine bis zu 200-300% höhere Klickrate als andere Beiträge.

Hier ein Beispiel von NBC Dateline:

Manchmal sind es ganz banale Anlässe, die bei einem kollektiv erlebten Ereignis einen Sturm an Reaktionen auslösen kann (frei nach dem Motto “Wetter zieht immer”):

4. Die Nutzer nach ihrer Meinung fragen

Das Tolle an Facebook ist die Niedrigschwelligkeit der Reaktionsmöglichkeiten. Auf den “Like”-Button zu drücken geht schnell und tut nicht weg. Und auch ein Kommentar ist schnell geschrieben. Noch dazu, wenn der Absender auch an den Meinungen seiner “Fans” interessiert ist. Aufforderungen zur Interaktion, sorgsam und nicht allzu übertrieben eingesetzt, wirken fast immer.

Ein anderes Beispiel von der Tagesschau:

Auch hier sind es in der Regel emotionale Fragen, die am besten funktionieren:

Ebenso Fragen, die sich an die Lebenswelt der Nutzer richten:

Wie die Fragen gestaltet sein sollten, darüber scheiden sich die Geister: Während Lavrusik für einfache, leicht verständliche Fragen plädiert, hat Carvin die Erfahrung gemacht, dass kluge, intelligente Fragen besser funktionieren. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass NPR eine überdurchschnittlich gebildete Zielgruppe anspricht.

5. Personalisieren und einen Blick hinter die Kulissen ermöglichen

Personalisierung kann eine höhere Identifikation mit dem Medium bewirken – wenn diese Person ausreichend bekannt ist. Lavrusik hebt als vorbildliches Beispiel auch hier Nicholas D. Kristof hervor. Kurze, sehr persönliche Eindrücke von der Arbeit des Reporters, meist ergänzt mit einer Aufforderung zu Interaktion oder – wie in diesem Fall – einem kleinen multimedialen Geschenk:

Ein Großteil der Realitätswahrnehmung wird heutzutage durch Massenmedien erzeugt. Die Nutzer dieser Medien wissen das natürlich aus – und sind deshalb sehr interessiert an dem Blick hinter die Kulissen. Ab und zu ein liebevoller Einblick kann deshalb nicht schaden:

6. Den Link bearbeiten

Lange ließen viele Nachrichtenwebseiten ihre neusten Beiträge automatisch über den RSS-Feed zu Facebook einlaufen. Klar, das spart Arbeit. Aber: Da hat ein Autor, Reporter oder Korrespondent ewig lang an einem tollen Text gearbeitet – und die Arbeit geht einfach im Facebook-Grundrauschen unter. Schnell noch die Geschichte bei Facebook posten, bevor es an die nächste Meldung geht – so sollte es nicht sein. Genau wie bei Teaser und Überschrift ist auch hier ein wenig Liebe zum Detail gefragt.

Beim verlinken auf Facebook lassen sich Überschrift, der graue Teaser sowie der Kommentar-Text bearbeiten. Zudem kann man ein in dem Artikel dargestelltes Foto als Teaser-Bild auswählen, oder das Foto abwählen. Generell erzielen Links mit Fotos höhere Klickraten:

7. Fünf bis zehn Links pro Tag sind genug!

Vorhin war bereits die Rede von den 20-50 Meldungen pro Tag, die von einer Nachrichtenredaktion online gestellt werden. Aber wie viele sollen verlinkt werden? Hier die Angaben einiger Nachrichtenwebseiten:

  • NBC: 5
  • Time: 6-8
  • NPR: 8-10 (mit mindestens einer Stunde Abstand)
  • New York Times: 1-15

Ein schmaler Grat: Einerseits die Nutzer auf die eigenen Geschichten aufmerksam machen, andererseits nicht in Spam-Verdacht geraten, indem man die Timeline der Nutzer zumüllt. Fünf bis zehn sorgfältig ausgewählte Links (siehe oben) sind deshalb eine gute Daumenregel.

Habt Ihr andere Erfahrungen gemacht? Ich bin gespannt!

Hinweis: Die Tipps und Hinweise finden sich im Original bei cyberjournalist.net – da ich sie noch nicht auf deutsch gefunden hatte, habe ich sie hier kurz zusammengefasst.

Tunesiens Revolution und Facebooks Verantwortung

Wenn das nicht der Stoff ist für „The Social Network 2“ – allerdings geht es diesmal nicht (nur) um Mark Zuckerberg, sondern um das Facebook-Sicherheitsteam und ein kleines Land in Nordafrika. Auf den Straßen und in den Häusern Tunesiens entflammt der Protest der Bürger. Demonstranten filmen mit ihren Handys Videos von Toten oder grausam zugerichteten Menschen. Statt Youtube und Twitter (wie im Iran) wird Facebook die Plattform, die den Protest multipliziert und diese Bilder verbreitet. Die tunesischen Sicherheitsbehörden reagieren und versuchen, mit einem eingepflanzten Code die Passwörter aller Facebook-Nutzer abzugreifen. Facebook muss reagieren. Schließlich stürzt der Despot und für Tunesien beginnt eine neue Ära.

Ein wahrer Thriller, für den Alexis Madrigal in „The Atlantic“ bereits das Script geschrieben hat.

Allerdings: Ist die Helden-Rolle für die Facebook-Crew berechtigt?

Ein Weg, um den staatlichen Hacker-Angriff abzuwehren war, die Nutzer automatisch über das verschlüsselte Protokoll HTTPS einloggen zu lassen. Auch das bietet keinen 100%igen Schutz, war in diesem Fall jedoch vollkommen ausreichend. – Warum also nicht für alle FB-Nutzer die Standard-Option, sich über HTTPS einzuloggen?  Denn solange sind die Login-Daten genauso geheim wie der Inhalt einer Postkarte. Da es es das Feature (noch) nicht gibt, empfehle ich das Plugin HTTPS-Everywhere.

Madrigals Kritik an Facebook geht noch darüber hinaus:

“And if governments around the world can, at least hypothetically, compromise users, it makes you wonder, as the Berkman Center’s Jillian York has, why Facebook hasn’t implemented special tools or processes for activists. The biggest issue is that political dissidents often do not want to use their real names in places where activism can get you killed. Facebook has adamantly opposed activists attempts to use pseudonyms. […]

More generally, though, Facebook certainly don’t seem to be under any obligations to provide special treatment. But if Facebook really is becoming the public sphere — and wants to remain central to people’s real sociopolitically embedded lives — maybe they’re going to have to think beyond the situational technical fix.

Dazu: Clay Shirky – The Political Power of Social Media, in Foreign Affairs

Update, 28.1.2011: Facebook hat reagiert (wahrscheinlich aber nicht wegen dieses Artikels ;) – laut Huffington Post wird es bald möglich sein, Standardmäßig über HTTPS einzuloggen. Bei meinem FB-Account ist das Feature noch nicht sichtbar.

Profilbildung auf dem virtuellen Schulhof: Jugendliche in Netzwerken

Livegespräch auf WDR5 am 18.1.2011:

“Digital Natives” scheinen ohne Onlinenetzwerk gar nicht mehr auszukommen, immer mehr “Digital Immigrants” geraten zunehmend in den Sog der neuen Kommunikationswege. Verabredungen, Neuigkeiten aus der Schule, Beziehungskisten, Termine der Fußballmannschaft und angesagte Musik – alles wird über Facebook & Co ausgetauscht. Aber: In einer Studie der Uni Leipzig gibt fast jede und jeder Vierte an, bereits schlechte Erfahrungen bei der Nutzung Sozialer Online-Netzwerke gemacht zu haben. Erlebt wurden Beleidigungen, Bedrohungen und Mobbing, aber auch sexuelle Belästigung, von denen vor allem Mädchen betroffen sind. Die Studie der Leipziger Medienpädagogen stellt die widersprüchlichen Erfahrungen Jugendlicher mit den neuen Handlungsräumen dar.

Hier das Audio:

Das Ende von Social Bookmarking?

Vielleicht macht Yahoo bald Delicious dicht. Und damit stirbt einer der Web 2.0/Social Media/Whatever-Dienste, die wirklich etwas gebracht haben. Der Social Bookmarking-Dienst mit seiner praktischen Firefox-Integration ist eines wenigen Web-Tools, die ich täglich beruflich nutze. Es ist Web-Gedächtnis und eine tolle – da von Menschen verschlagwortete – Recherchequelle zugleich.

Was bleibt? Am Ende mal wieder der Zweifel, ob Cloud Computing wirklich so eine tolle Idee ist.

Links zum Thema:

- I need Delicious!

- Quo Vadis Flickr?

- The Best Services for Migrating Your Delicious Bookmarks

- Das tragische Ende von Delicious

 

Update: Der Server vom Social Bookmarking-Dienst http://pinboard.in/ ist offenbar überlastet, da viele Nutzer bereits umziehen ("Due to very heavy traffic, some background services (import, archiving) are running slowly").